Verwandschaft

Die Felchen gehören zur Familie der lachsartigen Fische (Salmonidae) und bilden eine Unterfamilie, die Coregoninae oder Coregonen. Dazu gehören die drei Gattungen Stenodus (bis zu 150 cm lange, räuberische Wanderformen wie der Inconnu in Sibirien und Nordamerika), Prosopium (kleine und Coregonus, zu der alle Felchenarten in Europa zählen.

Die meisten Coregonus-Arten sind kleine bis mittelgrosse Schwarmfische und an ein Leben in kaltem, klarem Wasser angepasst. Sie kommen in den gemässigten und nördlichen Regionen von Europa, Asien und Nordamerika vor. Man findet sie in Hunderttausenden von Flüssen und Seen. Manche Arten leben noch wie ihre Vorfahren im Meer und wandern zur Fortpflanzung ins Süsswasser. 

    

Verbreitung

Als die letzte Eiszeit vor etwa 12‘000 Jahren endete, schmolz der dicke Eispanzer, der weite Teile der Schweiz bedeckt hatte. Es entstanden neue Flüsse und teilweise riesige Seen. Felchen aus eisfreien Gebieten im Norden und Osten eroberten diese attraktiven neuen Lebensräume. Die Alpen waren allerdings eine unüberwindbare Barriere.

Heute leben Felchen in allen grösseren Schweizer Seen im Mittelland und in den Voralpen. In Seen mit kühlem, sauer-stoffreichem Wasser nutzen Felchen unterschiedliche Lebensräume von der Uferzone bis zum Grund in Tiefen von weit über hundert Metern. In der Aare, im Alpenrhein und im Linthkanal gibt es sogar noch flusslaichende Populationen.

Der Mensch hat Felchen auch in diversen Gewässern angesiedelt, wo sie ursprünglich nicht vorkamen. Zum Beispiel auf der Alpensüdseite im Langen- und im Luganersee sowie in Stauseen wie dem Sihlsee, dem Wägitalersee oder Klöntalersee.

 In einigen Mittellandseen wie dem Hallwilersee lassen sich die wirtschaftlich wichtigen Felchenbestände heute nur dank künstlicher Aufzucht und Besatz erhalten, weil die natürliche Fortpflanzung aufgrund des Sauerstoffmangels in Grundnähe nicht mehr funktioniert. Das betrifft vor allem Arten, die an das Leben in der Tiefe angepasst waren. 

  

Aussehen & Körperbau

 

Felchen sind langgestreckte, seitlich abgeflachte Fische mit deutlich sichtbaren, festsitzenden Schuppen und der für Salmoniden typischen Fettflosse. Der silbern glänzende Körper zeigt je nach Art und Lebensraum eine Tönung, die von Gelb-Oliv über Grau und Blau bis zu Türkisgrün reicht. Der Rücken ist dunkel, der Bauch hellgrau bis weiss. Dieses Design ohne auffällige Zeichnungen oder Farben ist die perfekte Tarnung für ein Leben als Schwarmfisch im klaren Freiwasser. Dank ihres schnittigen, kräftigen Körpers und der grossen Schwanzflosse können Felchen ausdauernd und schnell schwimmen. 

Meister der Anpassung

Faszinierend ist die Fähigkeit der Felchen die verschiedenen Nischen und Ressourcen in einem Gewässersystem in verblüffend kurzer Zeit zu nutzen. Aus der ursprünglich eingewanderten Art können sich so innert weniger Jahrtausende neue Arten entwickeln. Evolutionsbiologen nennen das adaptive Radiation, also Artaufspaltung durch Spezialisierung.

Der genetische Baukasten der Coregonen bietet eine Palette von Varianten, die man weltweit beobachten kann. Folgende ökologische Formen sind so immer wieder entstanden:

Wanderform: mittelgross bis gross, Ernährung flexibel, Fortpflanzung im Fluss

Beispiel: Bodensee-Blaufelchen (Coregonus wartmanni)

 

   

Uferform: gross, Ernährung flexibel, Fortpflanzung ufernah

Beispiel: Neuenburgersee-Palée (Coregonus paleae)

 

   

Freiwasserform: klein bis gross, spezialisiert auf Plankton, Fortpflanzung flexibel (z.B. in Bezug auf Jahreszeit oder Wassertiefe)

Beispiel: Walensee-Albeli (Coregonus heglingus)

 

   

Tiefenform: klein bis mittelgross, spezialisiert auf Bodenlebewesen, Fortpflanzung in der Tiefe

Beispiel: Thunersee-Kropfer (Coregonus profundus)

 

 

 

   

Heute weiss man: Auch auf den ersten Blick unterschiedliche Arten in einem See sind in der Regel enger miteinander verwandt als mit ihren zum Verwechseln ähnlichen «Doppel-gängern» aus anderen Seen. Das bedeutet: In jedem Gewässersystem, das neu besiedelt wurde, fand diese Spezialisierung und schliesslich die Artaufspaltung von Neuem statt. In der Schweiz entstand so in wenigen Jahrtausenden eine einzigartige Biodiversität, die noch Ende des 19. Jahrhunderts  mindestens 35 genetisch und morphologisch unterschiedliche Felchenarten umfasste. Diese Vielfalt widerspiegelt sich in einer Vielzahl lokaler Namen wie etwa Albeli, Balchen, Brienzlig oder Kropfer.

 

Hauptsächlich durch Lebensraumveränderung und Gewässerverschmutzung ist in den letzten 150 Jahren ein Drittel dieser Arten ausgestorben. Aktuell lassen sich in Schweizer Gewässern nur noch 24 Arten nachweisen. 

Fressen & gefressen werden

   

Das Maul der Felchen ist ideal, um winzige Beute aus dem Wasser zu pflücken oder vom Grund einzusaugen. Das Spektrum des Felchenfutters reicht von Zooplankton wie Wasserflöhen und Hüpferlingen über Insektenlarven, Muscheln und Schnecken bis zu Laich und Jungfischen. Bei der Nahrungssuche verlassen sie sich stark auf ihre Augen sowie auf die Seitenlinie, die feinste Bewegungen im Wasser wahrnimmt. Beim Fressen spielen die Kiemenbögen eine zentrale Rolle. Sie sind auf ihrer Vorderseite dicht besetzt mit feinen Dornen, die eine Reuse bilden. Sie verhindert, dass die Beutetierchen durch die Kiemenöffnungen fliehen können. Die Anzahl, Dichte und Länge der Kiemenreusendornen widerspiegeln die bevorzugte Nahrung der verschiedenen Felchenarten und sind ein wertvolles Unterscheidungsmerkmal.

Durch ihre enorme Anzahl sind Felchen ein wichtiger Teil des Nahrungsnetzes. Als Konkurrenten für andere Fische und als Beute vom Ei bis zum ausgewachsenen Fisch.

 

 

 

  

 

    

 

 

  

Anhand der Kiemenreusendornen lassen sich viele Felchenarten unterscheiden. Viele und lange Dornen, die an einen Kamm erinnern, sind typisch für Planktonfresser im Freiwasser. Wenige und kürzere Dornen sind typisch für Arten, die ihre Nahrung am Grund sammeln z.B. Muscheln und Schnecken.

Fortpflanzung

Die Diversität von Laichzeiten, Laichplätzen und Verhaltensweisen ist einer der Gründe für die rasche Artbildung der Felchen. Es gibt Arten, die versammeln sich im Sommer unterhalb der Sprungschicht mitten im See, andere legen ihre Eier in dunklen Dezembernächten ganz nah am Ufeer an flachen kiesigen Stellen ab. Manche spüren bis heute die Wanderlust ihrer Vorfahren und ziehen zum Laichen in einen Fluss. Im Unterschied zu Forellen gibt es bei den Felchen weder Laichgruben noch Territorialkämpfe. Das Paarungsverhalten ist dennoch komplexer, als man lange dachte. Die Weibchen wählen ihre Partner gezielt aus und dem Ablaichen geht ein heftiges Vorspiel voraus, bevor sie tausende von stecknadelkopfgrossen Eier ins Wasser abgegeben. Diese sinken zum Grund, teilweise in Tiefen von über 100 Metern und werden sich selbst überlassen.

 

Bei uferlaichenden Formen bevorzugt über kiesigem oder felsigem Grund. Abhängig von der Wassertemperatur dauert es bis zu drei Monate, bis die Larven schlüpfen.

In den meisten Schweizer Seen wird der Felchenbestand seit bald 150 Jahren unterstützt durch Besatz mit künstlich erbrüteten Brütlingen. Damit versuchte man Verluste durch unvorteilhafte Umweltbedingungen ausgleichen und die Erträge zu steigern. Durch den gedankenlosen Besatz mit Jungfischen aus anderen Gewässern gefährdete man die natürliche Biodiversität und schädigte sie in einigen Fällen auch irreversibel.

Fischerei & Kulinarik

Felchen gehören zum kulinarischen Erbe unseres Landes.  Schon im Mittelalter waren sie begehrte Speisefische. Fürsten und Äbte liessen sich die Steuern gern mit der silbernen Delikatesse entgelten. Bis heute sind Felchen einer der sogenannten ‚Brotfische‘ der Schweizer Berufsfischerei. Die bildschönen und wohlschmeckenden Fische sind auch der Liebling vieler Angelfischer.

In den letzten Jahrzehnten machen die Felchenfänge bis zu 50 Prozent des Gesamtfangs aus, weil die Bestände anderer Arten (Egli, Rotaugen) aufgrund des Nährstoffrückgangs in den Seen stark abnahmen. Seit 2015 sind die Erträge deutlich eingebrochen. 2019 waren von insgesamt 1400 Tonnen Schweizer Wildfisch nur noch 486 Tonnen Felchen. In den 1990er-Jahren wurden bis zu 1500 Tonnen gelandet. Angesichts von fast 80'000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchten, die jährlich importiert werden, ist heute jeder einzelne Speisefisch aus Schweizer Gewässern eine exklusive Spezialität. 

Schweizer Seen – Postkartenidylle mit Problemen

Lebensraumverlust: Viele Schweizer Seen wirken auf den ersten Blick malerisch, doch sie sind weit von ihrem ursprünglichen Zustand entfernt. Ihre Ufer wurden verbaut, die Vernetzung mit Zuflüssen ist durch Wehre und Schwellen unterbrochen, und die rigide Regulation des Wasserpegels zum Schutz der Milliardenwerte an ihren Ufern hat Schilfgürtel und Auwälder verschwinden lassen. So sind viele Lebensräume verloren gegangen, die Fische brauchen für die Fortpflanzung, als Kinderstube oder zur Nahrungssuche. Zudem fehlen all die Insekten, Krebse, Schnecken und Muscheln, die hier früher gediehen im Nahrungsnetz. 

Überdüngung und Eutrophierung:

Die übermässige Belastung mit Nährstoffen aus Siedlungs- und Landwirtschaft im 20. Jahrhundert hat die Ökologie der meisten Seen stark verändert und ihrer ursprünglichen Artenvielfalt geschadet. Als Reaktion wurde seit den 1980er-Jahren der Eintrag des Pflanzennährstoffs Phosphor mit Einschränkungen und Kläranlagen rasch reduziert. Die fischereiliche Produktivität, die in vielen Seen durch die Eutrophierung zeitweise unnatürlich zunahm, ist heute wieder deutlich geringer. 

Chemische Verschmutzung:

Pestizide aus Landwirtschaft, Gärten und Unterhalt haben die Biomasse und Artenvielfalt von Insekten und anderen Wirbellosen auf dem Land und im Wasser bedrohlich verringert. Mikroverunreinigungen aus Industrie und Haushalt (z.B. Medikamente) beeinträchtigen alle Lebensphasen der Fische und der Wasserlebewesen, von denen sie sich ernähren. 

Klimawandel:

Seit den 1960er-Jahren haben sich die durchschnittlichen Wassertemperaturen in Schweizer Seen um bis zu 3 Grad erhöht. Das verändert chemische und biologische Prozesse und in manchen Seen behindert es die Zirkulation, was zu Sauerstoffmangel in der Tiefe führt. Arten wie die Felchen, die an kaltes Wasser angepasst sind, werden durch die Erwärmung aus ihren bisherigen Lebensräumen verdrängt. Die Zunahme von Wetterextremen wie Hitzewellen und Hochwasser erhöht den Stress für angestammte Ökosysteme. 

Neozoen:

Eine wachsende Zahl von Muscheln, Krebsen und Fischen erobern in den letzten Jahrzehnten die Schweizer Seen und verändern die Rahmenbedingungen für einheimische Arten mit unabsehbaren Folgen.

Prädatoren:

Die Bestände von fischfressenden Vögeln wie Kormoran, Gänsesäger und Graureiher sind dank Schutzmassnahmen stark gewachsen. Als Folge ist die Entnahme von Fischen enorm gestiegen. Das betrifft auch Populationen von gefährdeten Arten wie die Äsche. An einigen Schweizer Seen jagen mittlerweile mehrere tausend Kormorane und fressen jährlich hunderte Tonnen von Fisch. 

Fischereimanagement:

Aus Unwissen und Leichtsinn wurden bis weit ins 20. Jahrhundert Gewässer mit Jungfischen aus teilweise weit entfernten Gewässern besetzt, um „das Blut aufzufrischen“, oder um Engpässe zu kompensieren.  Damals gab es noch kein Bewusstsein für die Bedeutung lokal angepasster Populationen. Bei vielen Felchenarten lässt sich heute die genetische „Vermischung“ nachweisen. Potenziell gefährden solche Eingriffe die Fitness einer Art, die sich über Tausende von Generationen an ihren Lebensraum angepasst hat